Salman Ansari Menschen · Natur · Leben · Literatur · Musik

25Feb/120

Kinder sind Forscher ohne Pipette

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In einer Kita hatte die Erzieherin sich vorgenommen, Kindern die Phänomene von Schwimmen und Sinken verständlich zu machen.

Sie hatte dazu mehrere Gegenstände auf die Oberfläche des Wassers eines Aquariums gelegt. Die Kinder unterschieden korrekt zwischen den Schwimmern, die oben bleiben, und Nichtschwimmern, die sinken. Als die Erzieherin aber eine Fischfigur aus Kunststoff auf das Wasser legte und fragte, ob der Fisch schwimmt oder sinkt, meinte ein Kind: „Der Fisch schwimmt nicht.“ Weitere Kinder schlossen sich dem an.

Diese unerwartete Bemerkung der Kinder brachte die Erzieherin völlig aus dem Konzept. Auch als sie insistierte, dass der Fisch doch oben auf dem Wasser schwimmen würde, genauso wie andere schwimmende Gegenstände, blieben die Kinder bei ihrer Auffassung. Ich fragte die Kinder, weshalb sie meinten, dass der Fisch nicht schwimme. „Weil er nicht unter Wasser ist und sich nicht bewegt“, hieß die Antwort – die vollkommen richtig ist. Denn in der Tat schwimmt keine Fischart auf der Wasseroberfläche. Was bedeutet dieses Experiment? Kinder sind keine Physiker, und sie denken nicht in den Kategorien von Schulfächern.

Kinder haben keine andere Wahl, als immerfort zu beobachten, nachzuahmen, auszuprobieren, zu gestalten, zu erfinden, zu kommunizieren. Sie sind von Natur aus disponiert, die Welt zu erforschen und sich selber entdeckend in ihr zu orientieren. Ganz kleine Kinder haben die Gabe, zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden. Sie haben also ein Verständnis von Kausalzusammenhängen. Wir Pädagogen sollten uns also nicht Fächer und Experimente ausdenken, sondern Lernsituationen, die die vorhandenen Kompetenzen der Kinder zur Entfaltung bringen können. Wer die Kinder bei Fantasiespielen beobachtet, wird feststellen können, dass die Entwicklung und das Ende jedes Spiels völlig offen sind.

Wenn wir also vom „Kind als Forscher“ sprechen, dann müssen wir Klarheit darüber gewinnen, was wir darunter verstehen. Forscher sind die Kinder ohnehin. Sie werden nicht etwa erst dann zu Forschern, wenn man sie mit Lupe, Becherglas und Pipette ausstattet. Dadurch negiert man ihre potenzielle Befähigung, Naturphänomene ganzheitlich zu betrachten. Jedes Experiment, dessen Anfang und Ende von vornherein feststeht, widerspricht der geistigen Disposition des Kindes und grenzt seine Erfahrungsmöglichkeiten ein. In derartigen Lehrsituationen können die Kinder sich unmöglich als Forscher einbringen.

Die Alltagswirklichkeit bietet genug, das auf seine Entdeckung wartet. Daher brauchen Kinder Lernorte und Lernsituationen, die sie anregen, ihr Vorstellungsvermögen zu entfalten – am besten in Kommunikation mit anderen Kindern. Es geht um das offene Entdecken und das gemeinsame Sprechen.

Es sind nicht die Baukästen und Bildschirme, die Kinderfantasien anregen. Sondern ganz alltägliche Bilder und Orte. Kinder entdecken Aspekte der Wirklichkeit, die ihnen rätselhaft erscheinen. Der Wald und das Bächlein, die Sträucher und die Pflanzen, ein Vogelnest, ein Spinnennetz, eine Kröte, eine Schnecke, ein Haustier, vermodernde Baumäste, Steingärten, trockene Mauern, die Eigenarten von Jahreszeiten, Schnee,  Nebel, Regen, Kälte und Wärme. All dies und vieles mehr regt das Denken der Kinder und ihre Fantasie an. Sie werden ermutigt, Fragen an die Natur der Dinge zu stellen. All dies kann den Kindern auch dazu verhelfen, Widersprüche ihres Weltverständnisses zu erfahren und ihre vorhandenen Konzepte zu verändern, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Somit können Kinder über die Bewusstheit der äußeren Welt allmählich die Bewusstheit der inneren Welt erlangen, das bedeutet: sich ihres Denkens bewusst zu werden.

Die Reduktion der kindlichen Erfahrungsmöglichkeiten in unserer Welt ist evident. Man braucht nur die tristen, wenige Quadratmeter Fläche beanspruchenden Kinderspielplätze zu betrachten. Wo gibt es noch wilde Spielplätze, die Kinder einladen, diese selber zu gestalten? Es scheint so, als hätten die Erwachsenen das Recht usurpiert, alles zu definieren – auch die Gestaltung und die Größe der Orte, in denen sich die Kinder aufhalten dürfen. Man muss diese alte Geschichte immer wieder erzählen, um zu begreifen, was aus Kindern geworden ist: die wirklichen Außenseiter der Gesellschaft.

Hinzu kommt, dass die elektronischen Spiele, die Medien den Blick der Kinder verdunkeln. Sie laden sie dazu ein, in Welten zu flüchten, in denen Kinder keine primären Erfahrungen mehr machen können. Virtuelle Erfahrungen schalten natürliche, wirklichkeitsbezogene gemeinschaftliche und dialogische Lernprozesse aus. Wenn Kinder nicht mehr zwischen Wirklichkeit und virtuellen Bilder unterscheiden können, werden ihnen grundlegende Fähigkeiten vorenthalten: Neue Ideen zu entwickeln, Kreativität zu entfalten und vielfältige Wirklichkeiten in den unbegrenzten Räumen der Fantasie entstehen zu lassen – ihren eigenen Fantasien, nicht den virtuellen.

Warum schafft man eigentlich die verbreiteten Spielplätze in Kindertagesstätten nicht ab? Und ersetzt sie durch freie Flächen mit einem kleinen Teich, mit herumliegenden Hölzern und Baumzweigen, Sträuchern, Bäumen, Hecken, Vogelhäusern, Sandbänken, Kieselsteinhaufen, einer Trockenmauer, großen Steinen, worunter kleine Lebewesen ihren Lebensraum finden können. Statt Klettergerüsten brauchen Kinder Höhlen und Plätze, worin sie sich verstecken können. Warum schließt man mit den Eltern nicht Verträge, die festhalten, dass sich ihre Kinder während ihres Aufenthaltes in der Kita schmutzig und nass machen dürfen?

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