Salman Ansari Menschen · Natur · Leben · Literatur · Musik

26Jul/13Off

Brauchen Kinder eine Kinder-Uni?

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Welche Themen interessieren Kinder?

Alle Lernprogramme, wenn sie an den Prozessen des kreativen Lernens orientiert sind, gehen von drei Fragen aus, nämlich:

  • Was soll gelernt werden?
  • Wozu soll etwas gelernt werden?
  • Welches Alter ist dafür geeignet?

Vergegenwärtigt man sich die Vorlesungsverzeichnisse der Kinder-Unis, dann bleiben diese Fragen offen. Es bleibt auch unklar, ob die Kinder dort Erkenntnisse gewinnen, die sie auf andere Zusammenhänge übertragen können, und inwiefern die Kinder-Uni mit der Schulwirklichkeit korrespondiert.

Die Themen der Vorlesungen – in diesem Zusammenhang ist vornehmlich von naturwissenschaftlich orientierten Themen die Rede – scheinen wahllos herausgegriffen worden zu sein. Einige Beispiele:

Wie lange lebt ein Stern?

  • Warum haben Delfine einen sechsten Sinn?
  • Sonnensturm aus der Wüste
  • Warum sind Kristalle ordentlicher als Kinderzimmer?

Das sind gewiss interessante Themen. Dennoch fragt man sich, weshalb Kinder der Frage über die Lebenszeit eines Sterns nachgehen sollten und nicht der Frage, weshalb Fische immer unter Wasser schwimmen oder Elefanten Plattfüße haben.

Ich denke, nicht irgendein Thema ist von Bedeutung, sondern vielmehr die Frage, wie Kinder aktiv und exemplarisch etwas darüber erfahren könnten, wie wissenschaftliche Prozesse zu Erkenntnissen führen und warum diese Erkenntnisse immer wieder modifiziert oder gänzlich neu begründet werden. Dies kann man nur an Beispielen sichtbar machen, die erst die vorhandenen Denkmuster oder Erfahrungsmöglichkeiten der Kinder anregen und dann als Grundlage zur Gewinnung neuer Konzepte oder zur Modifizierung alter Vorstellungen dienen. Genau dieser Aspekt ist jedoch an den diversen Vorlesungsverzeichnissen nicht ablesbar.

Beispielsweise vertrat Aristoteles [5] ein  Konzept über den Zusammenhang von Kraft und Bewegung, das sich nicht von den naiven Vorstellungen der Kinder und Jugendlichen unterscheidet. Für ihn war die Bewegung eines Körpers vom Beweger abhängig. Erst  Galilei [6] verwarf das Konzept von Aristoteles und postulierte, dass in einem reibungslosen Raum ein Gegenstand, einmal in Bewegung versetzt, seine Bewegung beibehalten würde.

Die Zeitspanne, die zwischen Aristoteles und Galilei liegt, ist enorm. Offensichtlich brauchte es so lange, bis neue  Erfahrungen heranreiften, die das Postulat des Aristoteles modifizierten.

Betrachtet man die Themen der Kinder-Uni in diesem Zusammenhang, gewinnt man den Eindruck, dass Antworten auf Fragen gegeben werden, die von Kindern nicht gestellt wurden. Die vorlesende Person agiert als Sender von Botschaften; Empfänger sind die passiven Kinder. Geht man so vor, muss man stets Zusammenhänge erklären. Diese Erklärungen erweisen sich stets als Wissen aus zweiter Hand, zumal die Kinder keine Möglichkeit haben, reflektierend darüber nachzudenken, weil ein Rückgriff auf die Widersprüche ihres Weltverständnisses nicht möglich ist. Dies merkt man erst, wenn man die Kinder fragt, was sie nun konkret gelernt haben. Meist erhält man diffuse Antworten, obwohl alle Kinder der Meinung sind, sie hätten viel gelernt. Ähnlich reagieren sie auf Fernsehfilme, die sich mit Naturphänomenen beschäftigen: Sie sind der Meinung, sie hätten viel gelernt. Worin der Zuwachs ihres Wissens besteht, können sie nicht sagen.

Solche Lehrprogramme kommen ohne Dialog aus, und dies dürfte der Grund für ihre Ineffizienz sein.

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