Salman Ansari Menschen · Natur · Leben · Literatur · Musik

25Feb/120

Kinder sind Forscher ohne Pipette

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In einer Kita hatte die Erzieherin sich vorgenommen, Kindern die Phänomene von Schwimmen und Sinken verständlich zu machen.

Die kognitiven Wissenschaftenund die belegen eindrucksvoll, dass das kindliche Gehirn enorm flexibel und formbar ist. Das offenbart sich in der Eigenart der Kinder, unbefangen zu handeln und schnell zu lernen. Kinder können sich unendlich viele Wirklichkeiten vorstellen. Ihre Entwicklung ist gekennzeichnet von einem ständigen Wechsel der Perspektive. Die Besonderheit der Kinder besteht darin, dass sie ihr Fantasievermögen ungehemmt fortentwickeln. Voraussetzung dafür ist, welche alltäglichen Welterfahrungen ihnen zugänglich sind.

Kinder sind bereit alles zu lernen – auch jeden Unsinn. Sie sind nicht in der Lage, auszuwählen und zu beurteilen, welches Lernen für ihre geistige und seelische Entwicklung sinnvoll ist. Aus diesem Grund haben Kindergärten und Kitas eine besondere Verantwortung. Die Einrichtungen der frühkindlichen Bildung sollten den Alltag so strukturieren und Lernumgebungen herstellen, dass die Kinder in ihrer natürlichen Entwicklung unterstützt werden.

Was ist das A und O kindlichen Lernens? Es geht darum, dass Kinder auf der Grundlage von kommunikativen Prozessen befähigt werden, ihre Selbstständigkeit und ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Das ist wichtig, damit sie sich Kompetenzen aneignen, die ihnen helfen zu entdecken, was in ihren eigenen Köpfen steckt, kurz: Kompetenzen, die kreativ sind. Doch was heißt Kreativität? Kreativ ist jemand, der in der Lage ist, originelle Ideen zu entwickeln. Dazu muss man keinen hohen IQ haben.

Intelligenzquotient und die Fähigkeit, kreativ zu handeln, haben wenig gemeinsam. Kinder mit hohem IQ und sehr gutem Gedächtnis kommen nicht zwangsläufig zu originellen Ideen. Tatsache ist jedoch, dass alle Kinder in ihrer individuellen Art und Weise kreativ sein können – unabhängig von ihrer Herkunft, Muttersprache und kultureller Zugehörigkeit. Allerdings brauchen sie stimulierende Anlässe und Herausforderungen, um erfinderisches Handeln zu entfalten. Was hindert die Erzieherinnen und Pädagogen das selbstverständlich einzulösen?

Der Begriff „Frühförderung“ macht die Runde. Auf Glanzpapier gedruckte Bildungspläne suggerieren, dass Kinder bereits im all das erlernen könnten, was man in Wahrheit in einem Menschenleben nicht schaffen kann. Bildungspläne, wie sie jedes Bundesland inzwischen hat, mögen hehre Ziele sein – aber es ist nicht zu erkennen, wie die Wege zur Einlösung derselben aussehen könnten. Mit den Eltern ist es ähnlich. Manche akademisch orientierten Eltern glauben, ihre Kinder seien in der Kita unterfordert. Viele Eltern aus fremden Ländern wiederum verstehen nicht, dass ihre Kinder nicht schon mit vier oder fünf Jahren lesen, schreiben und rechnen lernen. Eltern tendieren allgemein dazu, Kitas als Orte der Wissensvermittlung zu sehen. Viele verstehen darunter die Beschleunigung des akademischen Wissenserwerbs. Das heißt: die Reproduktion bereits bestehenden Wissens.

Darin liegt ein schlimmes Missverständnis. Überall kann man sich davon überzeugen, dass Kinder daran gehindert werden, Selbständigkeit zu erlangen. Etwa, weil man ihnen dafür keine Zeit geben will. Der Erwerb von Selbstständigkeit setzt Risikobereitschaft, Geduld und das Vertrauen voraus, dass Kinder von Natur aus befähigt sind, immerfort zu lernen. Das zu verstehen wäre der wirkliche Beginn einer kindgemäßen Frühförderung. Dafür gibt es übrigens ganz einfache Beispiele: Kein Kind hätte laufen lernen können, wenn die Eltern ihm dauernd dabei geholfen hätten. Und dabei nicht in Kauf genommen hätten, dass es bei dem fundamentalen Lernprozess fallen und sich wehtun kann.

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